MDK-Begutachtung Pflegegrad

MDK-Begutachtung Pflegegrad

MDK-Begutachtung Pflegegrad

„AUF KEINEN FALL SCHAUSPIELERN“

Was ihr beachten solltet, wenn ein Gutachter vorbeikommt, um euch oder eure Angehörigen in einen Pflegegrad einzustufen. Interview mit einer Pflegeberaterin.

Hamburg – Wer pflegebedürftig ist, dem stehen Leistungen der Pflegekasse zu. Ist ein entsprechender Antrag gestellt, kommt im nächsten Schritt ein Gutachter zu dem Antragsteller nach Hause, um sich ein Bild von seinen Fähigkeiten und dem häuslichen Umfeld zu machen. Bei gesetzlich Versicherten wird der Gutachter vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) geschickt, bei privat Versicherten von Medicproof. Dabei geht es darum herauszufinden, ob eine Einstufung in einen Pflegegrad nötig ist und wenn ja, welchen Pflegegrad der Pflegebedürftige erhält. Davon hängt wiederum ab, wie hoch die Leistungen sind. Kurzum: Ein äußerst wichtiger Termin, auf den man sich so gut wie möglich vorbereiten sollte.

MEDICPROOF- ODER MDK-BEGUTACHTUNG PFLEGEGRAD

Ich habe Pflegeberaterin Tanja Gabriel von der privaten Pflegeberatung compass (einer Tochtergesellschaft des Verbandes der privaten Krankenversicherung) interviewt. Sie berät Menschen, denen eine Pflegebegutachtung bevorsteht – und hat eine Reihe hilfreicher Tipps parat.

Kati: Nehmen wir an, ein Gutachter des MDK oder von Medicproof hat sich bei mir angekündigt. Was muss ich bei dem Besuch beachten?

Tanja: Zunächst einmal ist es wichtig, ehrlich zu sein und die Realität abzubilden. Gerade erst habe ich erlebt, dass mir ein Antragsteller auf einmal die Tür aufhielt oder in die Jacke half, während die Ehefrau perplex daneben stand, weil er das sonst nie macht. Häufig wird auch die ganze Wohnung extra auf Vordermann gebracht, bevor der Gutachter kommt. Das erweckt dann natürlich einen verzerrten Eindruck.

Kati: Manchen Menschen ist es ja vielleicht auch unangenehm zuzugeben, dass sie etwas nicht mehr so gut können…

Tanja: Deshalb rate ich insbesondere allein lebenden Menschen, eine Vertrauensperson beim Gutachten dabei zu haben – die kann oft noch wichtige Punkte ergänzen und notfalls eingreifen, wenn der Antragsteller seine Defizite herunterspielt. Das kommt übrigens relativ häufig vor, da viele in der Generation der heute Pflegebedürftigen es gewohnt sind, Dinge selbst zu machen und ungern Hilfe annehmen.

Kati: Wie verhält es sich mit dem anderen Extrem – also wenn jemand Einschränkungen vorgibt?

Tanja: Davon rate ich dringend ab. Auf keinen Fall sollte man schauspielern, also zum Beispiel so tun, als könnte man nicht mehr allein aufstehen, obwohl es eigentlich noch ganz gut klappt – das fliegt in der Regel sowieso auf.

Kati: Pflegende Angehörige müssen bei der Begutachtung durch Medicproof oder MDK dabei sein und aus ihrer Perspektive berichten. Vor allem bei Menschen mit Demenz spielt die Wahrnehmung der Pflegenden eine sehr wichtige Rolle. Worauf sollten sie achten?

Tanja: Den Angehörigen fällt es oft schwer, im gemeinsamen Gespräch ein realistisches Bild der Situation zu vermitteln – schließlich wollen sie dem Menschen mit Demenz nicht das Gefühl geben, er werde angeschwärzt. Da kann es manchmal hilfreich sein, den Gutachter schon an der Tür abzufangen, um einige Worte unter vier Augen mit ihm zu wechseln. Oder aber, man schreibt einige Dinge auf und gibt sie ihm mit.

Kati: Bietet es sich generell an, ein bisschen was aufzuschreiben?

Tanja: Es hat sich bewährt, in den Wochen vor dem Gutachten ein Pflegetagebuch, auch Pflegeprotokoll genannt, zu führen. Darin wird täglich eingetragen, wobei Pflege benötigt wird und wie beeinträchtigt die Selbstständigkeit oder die Fähigkeiten bei der Bewältigung des Alltags sind.

Kati: Als Pflegeberaterin unterstützt du Menschen bei der Vorbereitung auf die Begutachtung. Kostet das etwas?

Tanja: Nein. Seit 2009 hat jeder Pflegebedürftige einen gesetzlichen Anspruch auf eine kostenfreie, individuelle Beratung. Für die gesetzlich Versicherten sind die Pflegestützpunkte zuständig, manche Krankenkassen haben auch ihre eigenen Beratungsstellen. Für privat Versicherte übernehmen wir von compass diese Aufgabe.

Kati: Dabei erfahrt ihr doch sicher vertrauliche Informationen über die Antragsteller. Gebt ihr die nicht an die Versicherung weiter?

Tanja: Nein, wir sind absolut neutral und unabhängig. Die Versicherungen können unsere Daten ebenso wenig einsehen wie wir ihre.

Kati: Und was ist, wenn die Antragsteller nicht mehr mobil genug sind, um zu euch zu kommen?

Tanja: Wir beraten die Menschen grundsätzlich zu Hause oder, wenn sie das nicht möchten, an einem neutralen Ort, etwa einem Café bei ihnen um die Ecke. Wenn nötig, kommen wir auch ins Krankenhaus oder Pflegeheim. Bei den Pflegestützpunkten ist das regional unterschiedlich aber von denen in Hamburg weiß ich, dass sie ebenfalls Hausbesuche machen. Außerdem kann sich jeder – auch gesetzlich Versicherte – telefonisch an uns wenden.

Kati: Wenn jemand plötzlich pflegebedürftig wird, muss es oft ganz schnell gehen. Die Leistungen werden rückwirkend ab dem Zeitpunkt der Antragstellung bewilligt. Das heißt, man sollte den Antrag möglichst sofort stellen…

Tanja: Das stimmt. Dennoch ist es sinnvoll, sich zeitgleich mit dem Antrag um einen Beratungstermin zu bemühen – dann bleibt in der Regel noch ausreichend Zeit, um die Antragsteller im Vorfeld des Gutachtens darauf vorzubereiten, was sie erwartet.

Mehr Informationen zu den Pflegegraden und dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff findet ihr hier

Dieser Artikel wurde am 4. August 2017 veröffentlicht

Tipp

Telefonische Pflegeberatung von compass: 0800 101 88 00

Für privat und gesetzlich Versicherte, montags bis freitags von 8 bis 19 Uhr, samstags von 10 bis 16 Uhr

Mehr Infos zu compass

Pflegestützpunkte in Deutschland

Tanja Gabriel

Die examinierte Altenpflegerin leitete eine Demenz-Station und arbeitete in einer Tagespflege für Menschen mit Demenz. Nach einer Weiterbildung zur Sozialberaterin begann sie 2008, im Pilot-Pflegestützpunkt in Hamburg zu arbeiten. 2009 wechselte sie zu der privaten Pflegeberatung compass. An dem Job reizte die heute 40-Jährige vor allem, dass sie oft Menschen dabei unterstützen und ihnen Mut machen kann, ihr Leben weiterhin selbst zu gestalten und selbstbestimmt zu sein.

3 Kommentare

  1. Beate sagt:

    Hallo Tanja. ich bin stolz auf Dich. Liebe Grüsse aus der Pfalz.

  2. Hallo,
    wir haben 2 x ein Gutachterin des MDK im Haus gehabt. Beim ersten Mal habe ich das Pflegestützpunkt um eine Beratung gebeten, es hieß keine Chance. Vor den jeweilige Besuche habe ich sorgfältig die Richtlinien des MDK gelesen.
    Beim ersten Besuch habe ich die Pflegestufe 0 anvisiert, für Pflegestufe 1 habe ich keine Chance gesehen, ich musste vor allem beaufsichtigen (extremen Sturz Gefahr), die körperliche Pflege usw. konnte meine Frau noch weitgehend selbst durchführen, allerdings war meine Anwesenheit notwendig. Als die Gutachterin ging, war ich über der Verlauf ein wenig beunruhigt. Meine Frau musste aus den Bett holen, sie wurde schnell wieder ins Bett geschickt. Ich konnte die Problematik mit der Gutachterin besprechen, es kam Pflegestufe 1 + eingeschränkte Alters Kompetenz heraus.
    Beim zweiten Besuch war meine Frau gerade beim Frühstücken, die Gutachterin konnte der Alltag beim Essen gut verfolgen (Beaufsichtigen und Anleiten). Pflegegrad 5 wurde gegeben.
    In beide Fälle war ich Hauptgesprächspartner. Meine Schilderungen waren in keiner Weise übertrieben eher untertrieben und auf jeden Fall Ehrlich.
    Das Pflegegrad wird anhand von Tabellen berechnet. Zu jeder der Themen werden Fragen gestellt und aus der ermittelten Punkten wird das Pflegegrad ermittelt. Bei manche Fragen können je nach ermessen 1 Punkt mehr oder weniger gegeben werden, ob die Frage so oder so zu beantworten ist, kann nicht immer klar bestimmt werden. Dieses Wissen erlaubt es, wenn das Fragenkatalog systematisch durchgegangen wird Argumente zu liefern falls die Gutachterin in der falsche Richtung bewerten würde. Aus der Seite der pflegende Person, kann im laufe des Gespräche Antworten gegeben werden, die die Bewertung in der richtige Richtung lenken.
    Beim 2. Gutachten, wurden die Tabellen nicht systematisch durchgegangen, es war ein freundliches Gespräch und wenn das eine oder anderem nicht ausführlich besprochen wurde, entstand ein fundierten Gutachten. Auch wenn die eine oder Frage nicht 100% die richtige Bewertung aufwies, musste ich feststellen das die Damen ein ausgezeichneten Wissen, und eine sehr gute Beobachtungsgabe aufweisen.

  3. Diana Gerlach sagt:

    Hallo Tanja,
    super gemacht! Viele liebe Grüße Diana

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