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Lebensqualitaet im Pflegeheim

Lebensqualitaet im Pflegeheim

Lebensqualität im Pflegeheim

AUF EINE ERDBEERE MIT URSULA

Ursula sorgte ihr Leben lang allein für sich und ihren Sohn. Jetzt lebt sie im Pflegeheim und lernt, Hilfe anzunehmen.

Ahrensburg – Es gibt Erdbeeren. Ursula bietet mir welche an und ich greife in den großen Karton mit den roten Früchten. Sie sind saftig und reif, genau so, wie ich sie mag. Ich setze mich zu Ursula und einigen anderen älteren Damen an den Tisch in der Küche von „Arnika“, einem Wohnbereich des Pflegeheims Tobias-Haus in Ahrensburg.

Seit drei Jahren lebt die 94-Jährige jetzt hier. Die Erdbeeren hat ihr eine ehrenamtliche Mitarbeiterin mitgebracht. Das ist etwas ganz besonderes für Ursula, denn im Gegensatz zu vielen ihrer Tischnachbarinnen hat sie keine Angehörigen, die ihr ab und zu einen Wunsch erfüllen.

BALKON UND BLICK INS GRÜNE – LEBENSQUALITÄT IM PFLEGEHEIM

Ich schiebe Ursula, die im Rollstuhl sitzt, in ihr Zimmer. Es ist etwa 20 Quadratmeter groß mit eigenem Bad, Balkon und Blick ins Grüne. Mithilfe von zwei Stöcken setzt sie sich in einen gemütlichen Ledersessel am Fenster. Ich nehme daneben Platz. Auf der anderen Seite des Raums stehen ein antiker Sekretär und das obligatorische Pflegebett.

Lebensqualität im Pflegeheim

Lieblingsplatz am Fenster: Ursula auf ihrem bequemen Ledersessel

Ursula leidet schon seit mehr als 20 Jahren an Asthma – manchmal so schlimm, dass sie Angst hat, zu ersticken. „Dann hilft nur noch der Kutscher“, sagt sie, und macht die Übung vor: Auf einem Stuhl oder Sessel sitzend die Hände auf die Knie legen, den Oberkörper leicht vorbeugen und versuchen, ruhig zu atmen. Neben dem Asthma machen ihr auch eine vergrößerte Herzklappe und Vorhofflimmern zu schaffen. 13 Tabletten muss Ursula täglich einnehmen – was genau und wogegen, weiß sie nicht bei jeder der Pillen.

ERST KRANKENHAUS, DANN PFLEGEHEIM

Bis vor drei Jahren ist Ursula gut allein zurechtgekommen. Doch dann zog sie sich eine Bronchitis zu, litt unter Atemnot und musste ins Krankenhaus. Dort fing sie sich einen ansteckenden Keim ein, bekam eine Lungenentzündung, eine Blutvergiftung und die Nieren versagten. „Das war schrecklich, alle um mich herum mussten einen Mundschutz tragen“, berichtet sie.

Vier Wochen war sie ans Bett gefesselt, danach konnte sie nicht mehr alleine aufstehen, geschweige denn, auf die Toilette gehen. Eine Nachbarin vermittelte ihr den Platz im Pflegeheim und löste ihren Haushalt auf. „Wo meine Sachen alle hingekommen sind, weiß ich nicht. Aber ich brauche ja auch nicht mehr so viel“, so Ursula.

Lebensqualität im Pflegeheim

Im Garten: Die frische Luft tut Ursula gut

SO UNABHÄNGIG WIE MÖGLICH – LEBENSQUALITÄT IM PFLEGEHEIM

Wichtiger als die materiellen Dinge ist ihr, dass sie hier die Unterstützung bekommt, die sie braucht – etwa, beim Anziehen der Strümpfe oder dem Waschen des Unterkörpers. Viele Dinge macht Ursula aber auch noch selbst: „Ich wasche mich oben rum, kämme mir die Haare und ziehe mich an“, sagt sie.

Nach und nach lernte sie in dem Pflegeheim auch, mit der Unterstützung von Stöcken wieder zu laufen. Zuerst schaffte es sie bis auf den Balkon, dann sogar auf die Terrasse. „Vor einem Jahr konnte ich noch ein Stück durch den Garten gehen“, sagt sie. Nach einem weiteren Krankenhausaufenthalt ist sie mittlerweile jedoch fast ausschließlich mit dem Rollstuhl unterwegs. Dabei bewegt sie sich so oft es geht mit der Kraft ihrer Arme vorwärts. Auch wenn sie das anstrengt: es ist Ursula wichtig, so viel Unabhängigkeit zu wahren wie möglich.

ALLEINERZIEHEND IN DER NACHKRIEGSZEIT

Die Kriegerwitwe hat schon früh erlebt was es heißt, allein für sich und andere zu sorgen. Ihr Mann, ein Offizier der Waffen-SS, fiel kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs im Hunsrück. Kurz zuvor hatte sie den gemeinsamen Sohn Diethard geboren – in ihrer Wohnung in Leipzig, während draußen der Bombenhagel tobte. „Ohne Hebamme, nur mit Hilfe meiner Mutter“, sagt Ursula.

Lebensqualität im Pflegeheim

Heimaturlaub: Diese Fotografie von Ursula und ihrem Mann hängt in ihrem Zimmer

Der Junge kam gehörlos und mit einer leichten geistigen Behinderung auf die Welt. „Eventuell wurde das durch den Stress ausgelöst, den ich bei seiner Geburt erlebte“, sagt Ursula heute. Für die gelernte Bürokauffrau bedeutete dies, dass sie keinem geregelten Beruf nachgehen konnte. Stattdessen kümmerte sie sich um ihr Kind.

GEBÄRDENSPRACHE STRENG VERBOTEN

Fünf Jahre später verlobte sie sich mit einem Lithografen, dem sie 1950 über die grüne Grenze in den Westen und nach Hamburg folgte. Die Verbindung hielt nicht, aber Ursula und ihr Sohn wurden im Stadtteil Hamm der Hansestadt sesshaft.

Als Diethard in eine Schule für gehörlose Kinder kam, musste sie ihn stets begleiten, da er nicht alleine mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren konnte. „Anderthalb Stunden pro Strecke haben wir gebraucht“, sagt Ursula. Gebärdensprache war damals streng verboten, die Kinder sollten lernen, Lautsprache zu benutzen und von den Lippen abzulesen. „Wir beide haben dann unsere eigene Sprache entwickelt“, sagt Ursula und zeigt mir ein paar Gebärden.

Im Laufe der Jahre wurde das Verhalten des Sohnes zunehmend herausfordernder. Ursula berichtet, wie sie sich ganze Nachmittage im Treppenhaus versteckte, weil sie Angst vor seinen Wutausbrüchen hatte. Das wurde erst besser, als er im Alter von 47 Jahren in ein Pflegeheim kam. „Dort merkten sie, dass etwas mit ihm nicht stimmte, und überwiesen ihn in die Psychiatrie“, so Ursula. Nach einigen Wochen, in denen er medikamentös eingestellt wurde, konnte er in das Heim zurückkehren.

INNIGES VERHÄLTNIS ZUM SOHN

Trotz aller Widrigkeiten war das Verhältnis zu Diethard stets innig. Inzwischen ist er 72 Jahre alt und lebt immer noch in dem Wohnheim. Alle zwei Wochen fährt er einmal quer durch Hamburg, um seine Mutter zu besuchen. „Dann strahlt er immer über beide Ohren – ich bin ja die einzige, die er hat“, sagt Ursula.

Lebensqualität im Pflegeheim

Ursulas Sohn Diethard: Zeichnung aus dem Jahr 1978

An der Wand hängen Zeichnungen von den beiden in jüngeren Jahren. „Die habe ich auf einer Reise in Rumänien von uns anfertigen lassen“, erzählt Ursula. Überhaupt sei sie viel gereist, mit dem Sohn durch Europa und nach Thailand, mit Freunden und Bekannten nach Afrika, Amerika, in die Karibik und nach China.

Ursula schwelgt in Erinnerungen. 1958, als der Junge in einer Ferienfreizeit war, fuhr sie zusammen mit einer Ärztin im Auto nach Torremolinos in Spanien. Die beiden alleinstehenden Frauen hatten sich über eine Zeitungsannonce kennengelernt. Gemeinsam erlebten sie eine unvergessliche Zeit in Südeuropa – Männerbekanntschaften inklusive. Für die biederen 1950er-Jahre eine sehr ungewöhnliche Reise, die eher in die heutige Zeit passen würde.

CLEVER IN AKTIEN INVESTIERT

Ich frage Ursula, wie sie sich die vielen Reisen leisten konnte – als Witwe und alleinerziehende Mutter ohne Anstellung. Sie erzählt mir, dass ihr eine monatliche Kriegsopferrente zusteht. Zusätzlich erhielt sie über viele Jahre eine Ausgleichsrente für den Verlust ihres Mannes da sie – mit Hilfe ihres Schwiegervaters – nachweisen konnte, dass der Abiturient studiert und ein solides Einkommen gehabt hätte, wenn er nicht im Krieg umgekommen wäre.

Außerdem hat sie, als ihr Sohn zur Schule ging, vormittags zusammen mit einer anderen Mutter als freiberufliche Beraterin für eine Versicherungsgesellschaft gearbeitet. „Wir suchten uns im Telefonbuch Unternehmen mit mehreren Mitarbeitern raus, machten Termine und hielten in den Pausenräumen vor versammelter Belegschaft Vorträge“, sagt sie. Auch sie selbst war eine fleißige Bausparerin, und investierte die Prämie clever in Aktien – unter anderem von VW, was ihr eine Rendite von zehn Prozent einbrachte. „Ich hatte immer ein gutes Händchen für Geschäfte, schon als Kind hat sich bei mir das Taschengeld vermehrt“, sagt Ursula. Sie betont aber auch, dass sie immer darauf geachtet habe, keine großen Risiken einzugehen.

Lebensqualität im Pflegeheim

Wie das duftet: Ursula genießt die Erdbeeren mit allen Sinnen

SPÄTES GLÜCK MIT DEM KURSCHATTEN

Einen Partner hatte Ursula die ganzen Jahre nicht. Erst nachdem Sohn Diethard 1992 ausgezogen war, ließ sie wieder einen Mann in ihr Leben. Sie lernte ihn bei einer Liegekur im Bergwerk im Schwarzwald kennen, der sie sich wegen ihres Asthmas unterzogen hatte. Der „Kurschatten“, wie wir ihn augenzwinkernd nennen, lebt im Saarland. Nach dem Ende des Aufenthalts folgten gegenseitige Besuche. „Zuerst schliefen wir in getrennten Betten – aber dann wurde doch ein eheähnliches Verhältnis daraus“, sagt Ursula.

Bis vor einigen Jahren verbrachte sie im jedes Jahr im Herbst vier Wochen mit dem Kurschatten auf Teneriffa. Heute ruft er sie allabendlich um sieben an um zu hören, wie es ihr geht. Heiraten und mit ihm zusammen leben wollte sie aber nie, beteuert Ursula. „Er hat Kinder und Enkel die ihn oft besuchen, das hätte nicht gepasst.“ Und vielleicht konnte sie es sich auch nach so vielen Jahren, die sie alleine und unabhängig war, auch nicht mehr vorstellen, Kompromisse zu machen.

Ein Pfleger kommt rein, er will Ursula beim Ausziehen behilflich sein. Wir sehen auf die Uhr: schon viertel vor sieben! Hastig verabschiede ich mich. Ursula muss sich auch beeilen – schließlich klingelt gleich das Telefon.

 

Mehr Informationen über das Tobias-Haus in Ahrensburg gibt es hier

Anmerkung der Autorin

Mit dem Alten- und Pflegeheim Tobias-Haus in Ahrensburg fühle ich mich besonders verbunden. Während meines pflegewissenschaftlichen Masterstudiums habe ich dort als Betreuerin gearbeitet, um den Alltag in einer Pflegeeinrichtung kennenzulernen. Seit Mai 2017 unterstütze ich das Haus bei der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Die Idee, Bewohner in meinem Blog zu porträtieren, hatte ich schon vorher und unabhängig von dieser Tätigkeit. Ich mache das, weil ich die Geschichten der Bewohner spannend und erzählenswert finde und werde dafür nicht bezahlt. Der Artikel über Ursula spiegelt lediglich meine beziehungsweise ihre persönliche Sicht wider.

5 Kommentare

  1. Elke Kruppa sagt:

    Mit großem Interesse habe ich den Artikel gelesen. Meine Chefin ist Anfang Januar mit 91 Jahren in ein Seniorenheim gekommen und ich versuche sie einmal pro Woche zu besuchen. Sie hat ihr Leben lang für andere gesorgt und ist nun selbst auf Hilfe angewiesen. Die Mitbewohner , es sind einige die gar keinen oder kaum Besuch bekommen, sitzen im Aufenthaltsraum und starren auf die Türe, ob jemand für sie kommt. Es bricht einem das Herz das jedesmal aufs neue zu sehen.

  2. Kati sagt:

    Liebe Elke,
    vielen Dank für deinenKommentar! Es ist toll und bedeutet ihr sicher viel, dass du deine Chefin so regelmäßig besuchst.
    Herzliche Grüße von Kati

  3. Anton sagt:

    Schöner Bericht. Interessante Protagonistin und irgendwie einfühlsam geschrieben ohne dabei zu schwafeln. Danke!

  4. Uwe Bartholl sagt:

    Seit März 2017 lebe ich auch im Tobias-Haus. Wir begegnen uns häufiger in Gruppenaktivitäten und dem Alltagsgeschehen hier. Ich freue mich, durch diesen Bericht Ursula etwas näher kennen gelernt zu haben. So wächst ein Miteinander, das der neuen Lebenssituation förderlich ist, heimisch zu werden oder sich heimisch zu fühlen. Neugierig bin ich, wen ich demnächst kennnen lerne.

    • Kati sagt:

      Lieber Uwe,
      vielen Dank für den Kommentar! Der nächste Beitrag ist schon in Arbeit. Über wen, verrate ich aber noch nicht 😉
      Liebe Grüße und hoffentlich bis bald!
      Kati

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