Unga-Astrid-Lindgren - 1 © Erik Molberg Hansen

Unga-Astrid-Lindgren - 1 © Erik Molberg Hansen

„Unga Astrid“ Lindgren

DIE LEIDEN DER JUNGEN ASTRID

110 Jahre wäre Astrid Lindgren heute alt. Ein Film über ihre Jugend zeigt, wie gesellschaftliche Zwänge damals die Selbstbestimmung von Frauen einschränkten. Ein Lehrstück über die Sozialisation hochaltriger Menschen von heute.

Berlin – Seit kurzem arbeite ich in Berlin. Und als wollte mich die Hauptstadt willkommen heißen, habe ich direkt ein paar Karten für die Berlinale ergattert. Der erste Film, den ich mir in dem gigantischen Friedrichstadt-Palast anschaute, heißt „Unga Astrid“ und handelt von der jungen Astrid Lindgren.

Das an sich war für mich schon eine kleine Sensation: Die Frau mit der grauen Kurzhaarfrisur, die auf den Rücken der Lieblingsbücher meiner Kindheit immer so verträumt schaute, hatte eine Jugend? Ich meine, klar hatte sie die, doch habe ich nie einen Gedanken daran verschwendet. Für mich zählte immer nur das, was sie über Pippi, Michel, Mio und die anderen geschrieben hatte. Sie existierte praktisch nur in Form ihrer so bildhaft zu Papier gebrachten Geschichten.

Der Film „Unga Astrid“ (die junge Astrid) der dänischen Regisseurin Pernille Fischer Christensen stellt nun ihr Leben die Zeit von 1925 bis 1930 in den Fokus. Für Astrid Lindgren (frivol und zärtlich gespielt von der bezaubernden Alba August) eine Phase, die sich nachhaltig auf den weiteren Verlauf ihres Lebens auswirken sollte. Aber fangen wir von vorne an.

„UNGA ASTRID“: LEDIG UND SCHWANGER MIT 18 JAHREN

Geboren im Jahr 1907, wächst Astrid behütet auf einem Bauernhof in Småland, Südschweden auf. Der Autorin zufolge eine glückliche Zeit: „Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit“. Für eine Bauerstochter unüblich, besucht sie die Realschule und beginnt anschließend ein Volontariat bei der Tageszeitung in Vimmerby, dem nächstgrößeren Ort. Die Arbeit liegt ihr sehr, sie ist eine talentierte Schreiberin.

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Verrückte Tänzerin – Astrid liebte Jazz (Foto: © Erik Molberg Hansen)

Die junge Astrid ist geprägt vom Geist der 1920er- und 1930er-Jahre – eine Zeit, in der in Schweden wie auch in Deutschland demokratische und emanzipatorische Strömungen aufkommen. Sie genießt ihre Jugend und Unabhängigkeit, tanzt begeistert Jazz und lässt sich – für die damaligen Verhältnisse in der Provinz recht provokativ – einen frechen Bubikopf schneiden.

Sexualität war im puritanischen Schweden der 1920er-Jahre jedoch ein Tabu-Thema, ganz besonders auf dem Land. Wie viele andere ihrer Zeitgenossinnen wusste Astrid Lindgren kaum etwas über Verhütung. Als sie eine Beziehung zu ihrem deutlich älteren, verheirateten Chef Reinhold Blomberg beginnt, wird sie schwanger. Abrupt endet Astrids unbeschwertes Leben. Ihr Ziel, einmal als Redakteurin bei einer größeren Zeitung anzuheuern, rückt in weite Ferne.

Keiner darf von ihrem Zustand erfahren – zu groß ist die Scham der Eltern, deren sozialer Knotenpunkt die Kirchgemeinde ist. Und auch Reinhold steht nicht zu ihr. Zwar lebt er von seiner Frau getrennt und verlobt sich heimlich mit Astrid, doch seine Scheidung wird mehr und mehr zu Rosenkrieg. Käme heraus, dass er eine andere Frau geschwängert hat, wäre das nicht nur ein Skandal, sondern hätte auch juristische Konsequenzen.

ASTRID LINDGRENS ERSTES KIND: GEHEIME GEBURT IN KOPENHAGEN

Also muss Astrid erst mal weg. Sie geht nach Stockholm, wo sie eine Ausbildung an einer Sekretärinnenschule absolviert. Aus ihrem ursprünglichen Plan, Reinhold zu heiraten, bevor das Kind kommt, wird jedoch nichts. Denn dieser befindet sich zwischenzeitlich in einem Gerichtsverfahren mit seiner Noch-Ehefrau – und fürchtet, dass er wegen Ehebruchs ins Gefängnis muss. Um dies zu verhindern, entschließt sich Astrid, ihr Kind in Kopenhagen zur Welt zu bringen – in dem einzigen Krankenhaus Skandinaviens, in dem damals (1926) anonyme Geburten möglich waren. Hilfe bekommt sie von der Anwältin und Frauenrechtlerin Eva Andén, die ihr nach der Geburt ihres Sohns Lars auch eine Pflegemutter in Dänemark vermittelt. Sehr einfühlsam und doch ohne sentimentale Effekthascherei macht der Film deutlich, wie schwer dieser Schritt für Astrid gewesen sein muss.

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Landleben – eine Mischung aus Freiheit und Geborgenheit (Foto: © Erik Molberg Hansen)

In der Folgezeit drängt sie Reinhold immer wieder, den kleinen Lasse, wie er genannt wird, zu sich zu holen. Doch die Scheidung zieht sich weiter hin, und als er ihr schließlich den (viel zu großen) Verlobungsring an den Finger stecken will, hat Astrid sich von ihrem Verlobten entfremdet. Auf einmal graust ihr vor der Vorstellung, an seiner Seite ein Leben als Hausfrau und Mutter zu führen. Entgegen jeder Vernunft trennt sie sich von ihm, beginnt in Stockholm als Sekretärin beim Königlichen Automobil-Club zu arbeiten und will allein für ihren Sohn sorgen. Dieser ist jedoch bereits im Kleinkindalter und hat sich so an seine Pflegefamilie gewöhnt, dass Astrid es nicht übers Herz bringt, in dort herauszureißen. Erst als die Pflegemutter 1930 erkrankt, holt sie Lasse zu sich. Ganz langsam lernen sich Mutter und Sohn kennen und beginnen, Vertrauen zueinander zu fassen. Am Ende des Films fährt Astrid stolz mit Lasse ins heimische Vimmerby, wo sie unbeschwerte Stunden mit ihm und ihrer Familie verbringt.

VIEL EMPATHIE FÜR DIE BELANGE VON KINDERN: „UNGA ASTRID“

Es ist eine höchst emotionale Geschichte, die dieser Film erzählt. Sie handelt von Liebe und Sehnsucht, aber auch von Wut und Verzweiflung einer Frau, die nach Unabhängigkeit und beruflicher Verwirklichung strebt – und ihrer Zeit damit ein Stück voraus ist. Dabei bleibt „Unga Astrid“ alles andere als neutral, sondern ergreift klar Partei für die schwedische Bestsellerautorin. Indem er die Dramatik des Stoffs nicht voll auskostet sondern die großen Gefühle nur partiell andeutet, lässt er dem Zuschauer dennoch genug Raum für eigene Interpretationen.

Die Handlung wird indes immer wieder von Zitaten aus Kinderbriefen an Astrid Lindgren untermalt die Parallelen zwischen Astrids bewegter Jugend und ihrem Werk herstellen. Ein junger Leser bemerkt etwa, dass manche Protagonisten keine Eltern haben – und legt damit nahe, dass Astrid in ihren Geschichten auch die frühe Trennung von ihrem Sohn verarbeitete.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass Figuren wie Pippi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter so selbstbestimmt und individuell leben, wie es Astrid in ihrer Jugend nur sehr eingeschränkt vergönnt war, obwohl sie sich doch so sehr danach sehnte. Sie selbst hat es so ausgedrückt: „Lass dich nicht unterkriegen – sei frech wild und wunderbar!“

Einen Trailer und Infos zum Film gibt es hier:

Berlinale-Webseite

Dieser Artikel wurde am 25. Februar 2018 veröffentlicht

Wie es im Leben von Astrid Lindgren weiter ging

Unga Astrid Lindgren ©Roine-Karlsson

So kennen sie die meisten: Astrid Lindgren als ältere Frau (Foto: Roine Karlsson)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1931 heiratete Astrid Lindgren den Vorsteher ihres Büros, Sture Lindgren, zog mit ihm und ihrem Sohn Lasse in eine Wohnung in Stockholm und wurde Hausfrau. 1934 bekam sie eine Tochter, Karin. Sie schrieb Kurzgeschichten, von denen einige veröffentlicht wurden und arbeitete als Stenotypistin. 1945 erscheint ihr erstes Kinderbuch, Pippi Langstrumpf, dem mehr als 60 weitere folgen sollten. Zeit ihres Lebens setzte sie sich für das Recht auf Individualität von Kindern sowie eine gewaltfreie Erziehung ein. 2002 starb Astrid im Alter von 94 Jahren zurückgezogen in ihrer Wohnung in Stockholm. Wer mehr über die berühmte Schriftstellerin aus Schweden erfahren möchte, dem seien diese Links empfohlen:

Seite über Astrid Lindgren vom Oetinger Verlag

Astrid Lindgren auf Wikipedia

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