Paulo hat es geschafft, er ist der Obdachlosigkeit im Alter entkommen

Obdachlosigkeit im Alter in Portugal

Obdachlosigkeit im Alter

PAULO – MIT 52 JAHREN WEG VON DER STRASSE

Die Geschichte eines Mannes, der noch im fortgeschrittenen Alter sein Leben von Grund auf geändert hat. Ein Gastbeitrag von Marie, Studentin der Sozialen Arbeit von der TH Nürnberg. Gemeinsam waren wir auf Exkursion in Lissabon.

Lissabon, Casal Ventoso – Einige von uns fühlten sich unwohl in dieser Gegend, die so ganz anders war, als die schönen Gassen der portugiesischen Hauptstadt mit ihrem südländischen Flair. Wir waren in einem Randgebiet der Stadt angekommen. Hier haben sich viele soziale Einrichtungen niedergelassen, da die Mieten viel billiger sind, als in den immer hipper werdenden Innenstadtvierteln.

Es ist in der Tat eine drückende Stimmung. Wir laufen an Häusern mit vernagelten Fenstern oder zerfetzten Vorhängen und an vermüllten Grünflächen vorbei. Die Plastikverpackungen und benutzen Spritzen, die wir entdecken, weisen darauf hin, dass hier Menschen leben, die Drogen konsumieren.

Obdachlosigkeit im Alter in Portugal

Vermüllte Grünflächen: Der Stadtteil Casal Ventoso ist so ganz anders als das hippe Lissabon der Touristen

CRESCER – EINE ORGANISATION HILFT OBDACHLOSEN IN LISSABON

Mit mulmigem Gefühl in der Magengegend gehen wir weiter. Unser Ziel: die Organisation Crescer (auf Deutsch: wachsen), die sich auf Obdachlosen- Drogenabhängigen- und Flüchtlingshilfe spezialisiert hat. Dort werden wir von drei jungen Frauen herzlich willkommen geheißen. Im Konferenzraum präsentiert Rita die Angebote, Programme und Grundhaltungen der Organisation. Das Team von Crecer besteht aus StreetworkerInnen, BeraterInnen, PsychologInnen und ÄrtzInnen, die sich um Menschen in Not kümmern und ihnen Unterstützung in verschiedenen Lebenslagen bieten.

Sehr beeindruckend finde ich das Projekt Housing First. Viele Sozialhilfeeinrichtungen arbeiten mit der Strategie, einen Menschen erst „wohnfähig“ zu machen, also ihn etwa von seiner Sucht loszubekommen, ihm eine Arbeitsstelle zu verschaffen und ihn sozial in die Gesellschaft einzugliedern. Housing First hat einen anderen Ansatz: Die Klienten bekommen zuerst eine eigene Wohnung – einen persönlichen Rückzugsort – danach sind alle anderen Probleme leichter zu lösen.

PROJEKT HOUSING FIRST SCHÜTZT VOR OBDACHLOSIGKEIT IM ALTER

Wie das in der Praxis funktioniert, erleben wir anschließend hautnah. Wir machen uns auf den Weg zu Paulo, der mit Hilfe von Crescer und der für ihn zuständigen Psychologin Soraia in ein kleines Reihenhaus ziehen konnte.

Obdachlosigkeit im Alter in Portugal

Vor Paulos Haus: Unsere Exkursionsgruppe zusammen mit dem 53-Jährigen und seinen Betreuerinnen der Organisation Crecer

Der 53-Jährige begrüßt uns freundlich an der Tür eines schmalen, einstöckigen Reihenhauses. ,Wie sollen wir mit 19 Personen da reinpassen?’ fragen wir uns. Aber Paulo sagt, er habe sehr oft große Gruppen bei sich zu Besuch. Wir treten ein, laufen einen sehr langen Gang entlang und finden tatsächlich alle einen Platz in Paulos kleiner Küche. Wir dürfen Fragen stellen, die Kati ins Portugiesische übersetzt. Paulo erzählt, dass er seit einem Jahr mit seinem Wellensittich in diesem Haus lebt und sehr zufrieden ist. Er möchte wissen, ob es uns auch gefällt. Das tut es, sehr!

EIN EIGENES BETT NACH JAHRELANGER OBDACHLOSIGKEIT

Wir erfahren, dass Paulo schon mehr als zehn Jahre in der Nähe des Hafens auf der Straße lebte, als ihn seine jetzige Betreuerin und ihre Kollegen dort ansprachen. Am Anfang war er genervt und wollte in Ruhe gelassen werden. Die StreetworkerInnen kamen jedoch immer wieder, freundeten sich mit ihr an und erzählten ihm von den Vorteilen des Housing-First-Programms. Da er auch schwer an Tuberkulose litt, ließ er sich irgendwann auf das Programm ein. „Die StreetworkerInnen haben am Ende eben doch Recht behalten“, sagt er und lacht. Man merkt dem ruhigen, gut gelaunten Mann an, dass er sich sehr wohl in seiner Wohnung fühlt.

Doch das war nicht von Anfang an so, erzählt Paulo. Als er in das Haus zog, war er so daran gewöhnt, auf der Straße zu schlafen, dass er sich Schritt für Schritt daran herantasten musste, in einem Bett zu liegen. Er schlief zunächst für einige Nächte auf dem Fußboden, dann auf dem Sofa und erst dann wagte er sich ins Bett.

NEU BEGINNEN – DAS GEHT AUCH NOCH MIT ANFANG 50

Paulo erhält soziale Unterstützung und fühlt sich momentan nicht bereit dazu, zu arbeiten. Von seiner Betreuerin Soraia, die für ihn mittlerweile eine Freundin ist, erfahren wir später, dass er an einem Substitutionsprogramm mit Methadon teilnimmt. 30 Prozent seiner Sozialhilfe zahlt er für die Miete des Hauses dazu. Das gibt ihm das Gefühl, Verantwortung zu übernehmen und tatsächlich ein Eigenheim zu besitzen.

Marie, Autorin des Gastbeitrags und Studentin der Sozialen Arbeit an der TH Nürnberg (Foto: privat)

Wir bedanken uns bei Paulo für seine Offenheit und wünschen ihm alles Gute.

An Paulos Beispiel sieht man, dass es selbst in fortgeschrittenem Alter noch möglich ist, sein Leben umzukrempeln, wenn man dazu bereit ist. Die Organisation Crescer hat Paulo dabei unterstützt. Ohne die stetigen Bemühungen von Soraia, die langfristig eine wertvolle Verbindung zu ihm aufbauen konnte, hätten wir ihn heute wahrscheinlich nicht so ausgeglichen und zufrieden in seinen eigenen vier Wänden besuchen können.

Der Artikel ist auf einer Exkursion des Studiengangs Soziale Arbeit der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm entstanden. Mehr über die Exkursion erfahrt ihr hier.

Ich bin auf Einladung von Claudia Lamsfuß dabei gewesen, freiberufliche Sozialarbeiterin und Organisatorin der Reise.

Dieser Beitrag wurde am 13. November 2018 veröffentlicht.

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