Inklusion von Senioren

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SCHWIMMEN, SONNEN, SCHNACKEN

Andere Länder, andere Formen der Inklusion: In einem Felsenpool für Frauen in Sydney treffen Generationen aufeinander.

Sydney – Vielleicht ist es dem oder der einen oder anderen schon aufgefallen, dass es momentan ein bisschen ruhiger auf dem Blog zugeht. Das liegt daran, dass ich urlaube. Naja, eigentlich besuche ich meinen Bruder und seine Familie in Sydney, Australien, und arbeite aus dem „Homeoffice“ – allerdings nicht so viel, wie sonst immer. Muss ja auch mal sein.

Geschichten für meinen Blog gibt es aber auch hier. So war ich neulich mit meiner Schwägerin in spe Saskia Schwimmen in den McIver’s Ladies Baths – einem Felsenpool an den Klippen, unweit des Badestrands Coogee im Osten Sydneys. Das Besondere daran: Hier dürfen nur Frauen und Kinder rein. Männer und Jungs ab 14 Jahren haben keinen Zutritt.

FREIWILLIGE MITARBEIT FÖRDERT INKLUSION VON SENIOREN

Es ist kurz vor zwölf Uhr mittags, als wir bei dem Schwimmbad ankommen. Am Eingang sitzt eine ältere, braun gebrannte Dame mit einem großen Sonnenhut und begrüßt uns freundlich. Lässig schnippt Saskia zwei Münzen in eine Plastikkiste – der Eintritt beträgt zwei Dollar pro Person, wobei hier niemand kontrolliert, was wirklich in der Kasse landet. Alle Einnahmen fließen in die Instandhaltung der Anlage. Die Frau an der Kasse arbeitet ehrenamtlich, ebenso wie ihre Kolleginnen, von denen die meisten bereits das Rentenalter überschritten haben.

Die denkmalgeschützten McIver’s Ladies Baths gibt es offiziell seit 1986. Zuvor war dieser Ort bereits indigenen Frauen vorbehalten, die hier fischten, badeten und Kinder gebaren. Etwa seit den 1830-er-Jahren nutzten ihn dann die Siedlerfrauen. 1918 ging er an seine Namensgeber Rose und Robert McIver über, die ihn in seine heutige Form umbauten. Seit 1922 wird er vom Randwick and Coogee Ladies Amateur Swimming Club betrieben.

FRAUEN UNTER SICH

Wir gehen einen schmalen Pfad entlang, rechts von uns steht ein einfaches Gebäude mit Toiletten, Duschen und Umkleiden. Links sind Geländer, dahinter geht es steil nach unten, wo ich ein Schwimmbecken aus grauem Stein mit türkisfarbenem Wasser erblicke. Auf der einen Seite des Pools liegen Felsklippen, auf der anderen das offene Meer – ein atemberaubender Anblick. Es führen zwei schmale Steintreppe hinunter, eine ist von beiden Seiten gesäumt von Fels- und Steinplateaus, auf denen vereinzelt Frauen liegen. „Heute ist es angenehm leer – ich habe schon Tage erlebt, an denen hier alles voll war“, sagt Saskia.

Einige Frauen tragen kein Oberteil, andere sind nackt, weil sie sich gerade umziehen. Ich schaue hoch und sehe, dass oberhalb der Klippen dichte Büsche und Bäume wachsen. Das Schwimmbad kann nicht von außen eingesehen werden. Die Frauen sind unter sich. „Hier können alle so sein, wie sie sind – ohne sich Sorgen machen zu müssen, wer ihnen dabei zusieht“, sagt Saskia.

Inklusion von Senioren

Baden unter Frauen – in Australien entdeckte ich den Charme der Felsenpools

Während es früher in Down Under mehr Schwimmbäder nur für Frauen gab, sind die McIver’s Ladies Baths heute die letzten dieser Art. Tatsächlich gab es bereits mehrere Versuche, sie auch Männern zugänglich machen – zuletzt unter Berufung auf das Anti-Diskriminierungsgesetz Australiens, von dem für den Felspool jedoch eine Ausnahme gemacht wurde. Große Aufregung erregte auch der Besuch eines transsexuellen Menschen, der äußerlich mehr einem Mann als einer Frau glich. Vor allem muslimische Schwimmerinnen, denen es ihre Religon erlaubt, in dem Bad ihr Kopftuch abzulegen, reagierten verstört. Durch den Vorfall wurden kontroverse Diskussionen darüber ausgelöst, ab wann eine Geschlechtsangleichung dazu berechtigt, den Pool zu nutzen. Meinen Recherchen zufolge jedoch ohne eindeutiges Ergebnis.

INKLUSION VON SENIOREN: QUATSCHEN IM POOL

Wir gehen runter zum Wasser, hängen unsere Taschen an Nägel im Felsen und stellen uns an den Beckenrand. An den umgebenden Felswänden kleben Muscheln, um die kleine Krebse herumtingeln. Im Pool steht eine alte Dame, in der Hand hält sie etwas Blaues aus Plastik. „Das Wasser ist 24 Grad warm – erstaunlich!“ sagt sie in breitem Aussie-Englisch zu uns. Wir können es kaum glauben, zumal die Lufttemperatur an dem Tag kaum höher ist. Die Frau blickt uns ernst an und deutet auf das Ding in ihrer Hand. „Das ist ein digitales Thermometer“, sagt sie und fügt schmunzelnd hinzu: „Und wie wir wissen: Technologie lügt nie!“

Lachend gleiten wir ins piwarme Wasser. Saskia beginnt zügig, ihre Bahnen zu ziehen – für die Mutter von zweijährigen Zwillingen ist dies fast die einzige Zeit des Tages, an der sie etwas für sich tun kann. Mit rund 20 Metern hat der Pool eine Länge, die auch Amateurinnen und älteren Frauen das Gefühl gibt, professionell zu schwimmen. Tatsächlich sollen hier aber sogar die befreundeten australischen Olympiasiegerinnen Fanny Durack und Mina Wylie trainiert haben, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten olympischen Medaillen im Schwimmsport für Australien gewannen.

MANCHE BESUCHERINNEN KOMMEN SEIT JAHRZEHNTEN

Ich habe es weniger eilig als Saskia und bekomme mit, wie sich zwei weitere Seniorinnen anschicken, ins Wasser zu gehen. Auch sie werden erst mal über die Wassertemperatur informiert. „So warm war es noch nie – und wir kommen schon seit Jahrzehnten hierher“, sagt eine von ihnen. Ich würde sie gerne interviewen, doch als ich sie frage, reagieren die beiden alten Damen verhalten. Anscheinend haben schon viele andere vor mir über diesen besonderen Pool und seine Besucherinnen geschrieben.

Ich lasse es darauf beruhen und schwimme auch ein paar Bahnen. Saskia hat mir eine Schwimmbrille geliehen, so kann ich unter Wasser das emsige Treiben der Fische beobachten. Da das Becken bei Flut von Wellen überspült wird, variieren die Arten von Tag zu Tag. Als ich genug gesehen habe, beobachte ich die Frauen um mich herum. Viele sind im Gespräch versunken. Eine zierliche Dame mit grauem Haar steht auf einem Felsen und vollführt langsame, fließende Bewegungen. „Die macht hier jeden Tag Tai Chi“ raunt Saskia mir zu, als sich unsere Wege kreuzen.

Auf dem Weg nach draußen, kommen wir an einer Frau mit Kopftuch vorbei. Sie hat ein kleines Stück Stoff auf dem Rasen ausgebreitet, auf dem sie steht und betet. Ein Stück weiter steigt eine ältere Lady auf eine Leiter und begutachtet die Eingangstür der Umkleide. Um sie herum stehen weitere Seniorinnen, sichern sie oder geben Ratschläge. Ich freue mich für sie, dass sie Im Alter eine sinnvolle Aufgabe haben, die sie fit hält und offensichtlich sehr erfüllt.

Aufmacherfoto: Randwick City Council

Dieser Artikel wurde am 17. Januar 2018 veröffentlicht

2 Kommentare

  1. Cornelia lenartz sagt:

    Das ist ja ne tolle Sache.Schade.dass es das nur in Australien gibt.

    • Kati sagt:

      Liebe Cornelia,
      ja das stimmt. Aber wer weiß – vielleicht entsteht ja mal so etwas. Könnte man ja auch in einer geheizten Halle in Deutschland machen 😉
      Liebe Grüße
      Kati

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