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Homosexualitaet-im-Alter-und-in-der-Pflege

Homosexualität im Alter und in der Pflege

„MEINE ENKEL FINDEN IHREN SCHWULEN OPA COOL“

Hans hat den neuen Pflegegrad 1, erlitt mehrere Schlaganfälle – und liebt Männer. Welche Rolle spielt Homosexualität im Alter und in der Pflege? Spielt sie überhaupt eine Rolle?

Hamburg – Eigentlich ist es ja nicht meine Art, Unbekannte auf der Straße anzusprechen – schließlich bin ich Hanseatin und eher reserviert. Aber bei Hans konnte ich einfach nicht anders. Es war der 17. Mai 2017, der Internationale Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie. Einige Hundert Hamburger setzten beim „Rainbow-Flashmob“ auf dem Rathausmarkt mit bunten Luftballons ein Zeichen für Toleranz gegenüber Menschen, die in puncto sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität nicht der Norm entsprechen.

Ich war mit einer Freundin dort. Eher zufällig entdeckte ich Hans in der Menge; einen zierlichen Mann mit weißem Haar und Schnurrbart, der sich beinahe lässig auf einen Rollator stützte. Ich fragte, ob ich ihn fotografieren und auf meinem Blog über ihn schreiben dürfte. Hans war einverstanden. Und so besuche ich ihn einige Monate später in seiner Zweizimmerwohnung am Rand eines ehemaligen Arbeiterstadtteils in Hamburg.

MÖBEL DIENEN ALS STÜTZE

Wir sitzen auf dem Balkon, um uns herum leuchten rote Geranien. Hans serviert Filterkaffee – helfen darf ich ihm nicht. In der Wohnung bewegt der 77-Jährige sich eigenständig fort, nur die Möbel dienen ihm manchmal als Stütze.

„Dass ich schwul bin weißt du?“ fragt Hans. „Ich habe es mir gedacht“, antworte ich. So offen wie heute ist der pensionierte Verwaltungsbeamte nicht immer mit seiner Homosexualität umgegangen. Tatsächlich war ihm bis zu seinem 42. Lebensjahr nicht einmal bewusst, dass er Männer liebt.

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Hans mit einem Freund beim Rainbow-Flashmob auf dem Hamburger Rathausmarkt

OUTING IN DEN 1980ER-JAHREN

Verheiratet, zwei Kinder, ein Häuschen auf dem Dorf – Hans führte ein bürgerliches Leben. „Bis mich 1982 ein Mann in der Sauna verführte“, berichtet er. Dann ging alles ganz schnell: Ein Briefchen, vom Liebhaber zugesteckt und von der Frau gefunden, die Hans kurzerhand vor die Tür setzte. „Später wollte sie mich dann wieder zurück, aber da war es zu spät“, erzählt Hans.

Stattdessen zog er nach Hamburg – allerdings nicht, um sofort in die hiesige Schwulenszene einzutauchen. „Ich kannte dort ja niemanden und kämpfte zuerst noch gegen das Schwulsein an“, so Hans. Seinen Beamtenjob auf dem Dorf behielt er und pendelte fortan, erst einige Jahre später konnte er in eine Behörde der Hansestadt wechseln.

HIV-INFEKTION UND AIDS

Von seiner Homosexualität erzählte Hans auf der Arbeit nichts – aus Angst, diskriminiert, ausgegrenzt oder sogar entlassen zu werden. „Damals gab es ja noch den Paragraph 175“, sagt Hans. Dieser stellte in Deutschland bis 1994 Sex zwischen Männern unter Strafe. „Eigentlich unvorstellbar, wenn man bedenkt, dass wir heute heiraten können“, sagt Hans. Und doch war es so.

Einige Jahre nach seinem Coming-Out stellte sich heraus, dass Hans sich bei einer seiner ersten intimen Begegnungen mit einem Mann mit HIV infiziert hatte. Das Virus löste in den 1980er-Jahren einen regelrechten Feldzug der Konservativen gegen Schwule aus.

Seit dem positiven Test praktizierte Hans nur noch Safer Sex. „Ich wollte ja niemanden anstecken“, betont er. In den 1990er-Jahren brach die Aids-Infektion aus. „Ich dachte, jetzt sterbe ich“, sagt Hans.

STAMMTISCH DER AIDS-SEELSORGE

Die Auseinandersetzung mit der Krankheit eröffnete Hans neue Perspektiven. Er engagierte sich bei der AIDS-Seelsorge Hamburg im Stadtteil St. Georg, fand neue Freunde und kam in der Szene an. Noch heute geht er einmal die Woche zu einem Stammtisch, der ursprünglich mal ein Angebot der AIDS-Seelsorge für HIV-positive Männer war. „Inzwischen steht er aber allen Schwulen offen“, sagt Hans. Viele der ehemaligen Mitglieder sind gestorben, einige von ihnen wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof in gemeinschaftlichen Grabstätten des Vereins Memento beigesetzt, der sich um die Grabpflege und das Andenken der Hamburger Aidstoten kümmert.

Hans hatte Glück – er überlebte. Heute ist er medikamentös so gut eingestellt, dass die Virenmenge in seinem Blut unter der Nachweisgrenze liegt und er nicht mehr ansteckend ist. Trotz der guten Behandlungsmöglichkeiten ist Aids jedoch nach wie vor nicht heilbar. Hans muss die Medikamente sein Leben lang weiter nehmen.

NICHT OHNE MEINEN ROLLATOR

Mehr als seine Aidserkrankung machen Hans heute jedoch andere Beschwerden zu schaffen. So lebt er mit zwei Herzschrittmachern sowie zwei transplantierten Herzklappen. Wegen starker Atembeschwerden wurde ihm dieses Jahr per Punktion ein Liter Wasser aus der Lunge entfernt. „Seitdem kriege ich wieder viel besser Luft“, sagt er.

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Hans zeigt mir das Armband, mit dem er den
Hausnotruf auslösen kann

Wenn Hans rausgeht, hat er immer seinen Rollator dabei. „Ich hatte einen Oberschenkelhalsbruch, seitdem bewege ich mich sehr vorsichtig“, berichtet er. Als Folge eines Schlaganfalls ist ihm häufig schwindelig, was das Sturzrisiko noch erhöht. Nach einer Augen-Operation ist zudem sein Sichtkreis kleiner geworden, weshalb er zu seinem Bedauern seinen Führerschein abgeben musste: „Einfach ins Auto setzen und ins Grüne fahren – das vermisse ich.“

WAS BRINGT DER NEUE PFLEGEGRAD 1?

Seit der Einführung der neuen Pflegegrade im Zuge des Pflegestärkungsgesetztes hat Hans den Pflegegrad 1. Er gehört zu der Gruppe der Menschen, die noch weitestgehend selbstständig sind, und nur wenig Unterstützung benötigen. Sie bekommen dank der Pflegereform nun erstmals auch Pflegeleistungen.

Die 125 Euro, die Hans monatlich für Betreuungs- oder Entlastungsleistungen wie Aktivierungsgruppen, Alltagsbegleiter und Haushaltshilfen ausgeben darf, nutzt er jedoch zurzeit noch nicht. Dafür profitiert er von dem Zuschuss für Wohnraumanpassung, mit dem er ein Sitzbrett für die Badewanne angeschafft hat. Dank seines Anspruchs auf medizinische Hilfsmittel und Pflegehilfsmittel hat er außerdem einen Hausnotruf. Hans zeigt mir das Armband mit dem beigen Knopf, mit dem er jederzeit Hilfe alarmieren kann – zum Beispiel, wenn er gestürzt ist.

UNTERSTÜTZUNG VOM PARTNER UND DER FAMILIE

Hilfe bei alltäglichen Dingen erhält Hans von seinen beiden Kindern, mit denen er sich sehr gut versteht – ebenso wie mit seinen sechs Enkeln. Ein Problem mit seiner Homosexualität haben die nicht. Im Gegenteil: „Die finden ihren schwulen Opa cool“, sagt Hans.

Ein weiterer wichtiger Mensch in seinem Leben ist sein Freund, den er vor zehn Jahren über die Internetplattform GayRoyal kennenlernte. Ich blicke mich um und sehe im Wohnzimmer einen etwas in die Jahre gekommenen PC stehen, mit dem Hans E-Mails schreibt und im Internet surft, wie er mir erzählt.

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Den Computer nutzt Hans, um E-Mails zu schreiben und im Internet zu surfen

Hans ist 25 Jahre älter als sein Lebensgefährte. „Anfangs war mir das gar nicht recht“, sagt er. Doch der Jüngere ließ nicht locker – und eroberte schließlich sein Herz. Ich frage ihn, ob er keine Angst hat, irgendwann wegen seines Alters verlassen zu werden. Hans verneint und erzählt mir, dass sein heute 52-jähriger Freund sogar den Rollator für ihn die Treppe rauf trägt, wenn sie gemeinsam unterwegs sind.

SPIELT HOMOSEXUALITÄT IM ALTER UND IN DER PFLEGE EINE ROLLE?

Sein Partner wohnt im selben Haus, aber in einer eigenen Wohnung. „Jeder hat seinen Freiraum und das ist gut so“, betont Hans. Dass der Freund ihn mal pflegt, kann er sich nicht vorstellen. Er wünscht sich, solange es geht selbstständig in seiner Wohnung zu leben – wenn es sein muss, mit der Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes.

Ob er sich – falls er doch mal in ein Heim umziehen muss – für eine spezielle Einrichtung für Homosexuelle entscheiden würde, weiß Hans nicht. „Damit habe ich mich noch nie beschäftigt“, sagt er. Generell ist er aber der Meinung, dass es heutzutage auch möglich sein muss, in einem gemischten Pflegeheim offen schwul zu leben. Und ich sehe das genau so.

Dieser Artikel wurde am 4. September 2017 veröffentlicht

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