Eine Frau auf dem Evangelischen Friedhof Lissabon

Eine Frau auf dem Evangelischen Friedhof Lissabon

Deutscher Friedhof in Lissabon

ZAUBERHAFTER ORT DER ERINNERUNG

Wo finden deutschstämmige Lissabonner ihre letzte Ruhe? Studentinnen der Sozialen Arbeit besuchen einen historischen Ort der Erinnerung und Besinnung mitten in der portugiesischen Hauptstadt.

Lissabon – Wir laufen eine Seitenstraße im Westen von Lissabon entlang, auf den so typischen kleinen, engen Gehsteigen. Zwischen Wohnblöcken und parkenden Autos bleiben wir stehen und sehen zur rechten Seite.

Ein großes verschlossenes Tor direkt vor uns, daneben ein Schild aus blauen Keramikkacheln. „Cemitério Alemão – Deutsche Evangelische Kirchengemeinde“ steht darauf geschrieben. Cemitério Alemão ist Portugiesisch und bedeutet deutscher Friedhof. Wir läuten die Glocke. Nach kurzer Zeit öffnet eine Frau mittleren Alters die Tür. Sie begrüßt uns freundlich und wir treten ein.

Deutscher Friedhof Lissabon

Grüne Ruheoase: Der Deutsche Friedhof in Lissabon

Im Inneren erwartet uns der wunderschöne Anblick einer grünen Ruheoase. Wir nehmen uns Zeit, diesen Ort auf uns wirken zu lassen, und spazieren auf den kleinen, unebenen Wegen. Es gibt keine starre, gradlinige Anordnung der Gräber. Was uns sofort auffällt ist, dass die Natur hier viel Platz hat. Es ragen große, alte Bäume in die Höhe und zaubern ein schönes Licht- und Schattenspiel.

DEUTSCHE EINFLÜSSE AUF DEM CEMITÉRIO ALEMÃO

Wir bleiben hier und dort stehen, um die unterschiedlichen Gräber zu bestaunen. Die Inschriften lassen sich teilweise kaum mehr entziffern und so können wir nur erahnen, wie alt die Ruhestätten sind. Auf manchen sind Familienwappen zu erkennen. Ab und an ziert eine alte Statue den Friedhof. An diesem Ort der Erinnerung sind die historischen deutschen Einflüsse (siehe Kasten) in Lissabon noch deutlich sichtbar.

 

DER KLEINSTE FRIEDHOF LISSABONS

Die teilweise sehr alten Grabstätten lassen darauf schließen, dass die Geschichte des Friedhofs sehr weit zurück reicht. Bereits im Jahr 1821 überließ der Lübecker Großkaufmann Nicolaus Berend Schlick das rund 3.000 qm große Gelände der deutsch-evangelischen Kirchengemeinde in Lissabon.

Am 25. Januar 1822 wurde dann der deutsch-evangelische Friedhof, der auch gleichzeitig der kleinste städtische Friedhof ist, eingeweiht. Durch die vielen Bäume und der oft sehr großen Grabanlagen, haben wir nicht den Eindruck, dass es sich hier um den kleinsten Friedhof handelt.

Deutscher Friedhof Lissabon

Ein Holzkreuz ziert ein Grab auf dem kleinsten Friedhof der Stadt

Auf der ganzen Welt gibt es nur noch einen weiteren deutsch-evangelischen Friedhof, dieser befindet sich in Jerusalem. Während wir uns die Gräber genauer ansehen, entdecken wir unter anderem die Grabstätte von Nicolaus Berend Schlick. Ein großes Steingrab in der Mitte des Friedhofs deutet auf den einstigen Spender des Geländes hin. Neben vielen anderen findet auch er hier seine letzte Ruhe.

DIE GUTE SEELE DES DEUTSCHEN FRIEDHOFS IN LISSABON

Während wir so über den Friedhof schlendern und uns aufmerksam die unterschiedlichen Gräber anschauen, pflegt die Frau, die uns eingelassen hat, eifrig ein Grab. Sie legt weiße Kieselsteine ordentlich auf die Erde und drapiert einige Blumen an den Gedenkstein. Wir kommen mit ihr ins Gespräch und erfahren, dass sie das Grab vorbereitet, da der Todestag des Verstorbenen naht und daher seine Angehörige kommen werden. Familien und Freunde besuchen ihre verstorbenen Angehörigen meist an besonderen Tagen – beispielsweise am Geburtstag oder Todestag.

Drei Studierende der Technischen Universität Nürnberg

Von links: Annika, Martha und Michaela von der Technischen Hochschule Nürnberg, hier vor der Torre de Belém, haben diesen Blog-Beitrag zusammen geschrieben

Seit zwei Jahren lebt und arbeitet die Frau, die ursprünglich aus Moldawien kommt und Professorin ist, auf dem Friedhof. Direkt am Eingang steht ein kleines Häuschen, in dem sie zuhause ist. Belustigt berichtet sie, dass Leute sie oft fragen, ob sie denn keine Angst hat hier zu wohnen. Doch das macht ihr wenig aus – ganz im Gegenteil! Die Friedhofsangestellte genießt es, auf dem Gelände leben zu können. Ihr gefällt, dass der Ort so grün und dicht bewachsen ist und die hohen Bäume – gerade im Sommer – angenehme Kühle spenden. Nach dem kurzen Plausch verabschieden wir uns von ihr und machen uns auf den Heimweg.

Als das Tor hinter uns zufällt, stellen wir beeindruckt fest, dass der deutsch-evangelische Friedhof hier in Lissabon einem die wunderbare Möglichkeit gibt, im Alltag einen kurzen Moment innezuhalten um sich an geliebte Menschen zu erinnern.

 

Ihr wollt mehr über die Exkursion nach Lissabon erfahren? Dann könnt ihr hier weiter lesen:

 

Altern in Europa – Exkursion nach Lissabon

Obdachlosigkeit in Lissabon

Senioren in Lissabon

 

 

Der Artikel ist auf einer Exkursion des Studiengangs Soziale Arbeit der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm entstanden. Mehr über die Exkursion erfahrt ihr hier.

 

 

Dieser Beitrag wurde am 18. Dezember 2018 veröffentlicht.

DEUTSCHES LEBEN IN LISSABON – SO FING ES AN

Mitte des 18. Jahrhunderts sind deutsche Kaufleute über den Seeweg nach Portugal gekommen. Sie stammten zumeist aus den Hansestädten im Norden Deutschlands und waren beinahe alle lutherisch. Nachdem 1755 ein großes Erdbeben Lissabon fast vollständig zerstört hatte, suchten die Kaufleute den Trost eines Seelsorgers. Und so kam es, dass in der portugiesischen Hauptstadt erstmals ein deutschsprachiger Prediger seinen Dienst aufnahm.

2 Kommentare

  1. Petra sagt:

    Liebe Kati, guten Morgen, der Blogartikel gefällt mir sehr.
    In unserem Totenhemd-Blog stelle ich immer wieder schöne Friedhöfe vor oder erzähle von meinen Friedhofspaziergängen.
    Wenn Ihr es erlaubt, werde ich Euren Artikel dort vorstellen und nutze dann auch eines der Fotos.
    Sagt mir Bescheid, ob Ihr damit einverstanden seid. Herzliche Grüße Petra

    • Kati sagt:

      Liebe Petra, ja klar, mach das gern. Ich finde Friedhöfe auch faszinierend und habe noch weitere Fotos und Geschichten in petto, über die ich hier schreiben möchte. Wenn es soweit ist, gebe ich dir Bescheid. Herzliche Grüße und besinnliche Feiertage für dich! Kati

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