Mit seinem Demenz-Comic „Kopf in den Wolken“ befeuert Paco Roca Vorurteile – zeigt aber auch, dass es Dinge und vor allem Menschen gibt, die das Leben im Alter lebenswert machen.

Demenz-Comic „Kopf in den Wolken“ von Paco Roca

Demenz-Comic

KOPF IN DEN WOLKEN

Mit seinem Demenz-Comic „Kopf in den Wolken“ befeuert Paco Roca Vorurteile – zeigt aber auch, dass es Dinge und vor allem Menschen gibt, die das Leben im Alter lebenswert machen.

Berlin – Die Geschichte beginnt mit einem schwierigen Gespräch. Emilio ist Leiter einer Bankfiliale und muss einem Ehepaar mitteilen, dass er ihm keinen Kredit gewähren wird. Da platzt dem Mann der Kragen. „Du bist nicht in der Bank. Du arbeitest doch schon seit Jahren nicht mehr“, poltert er, und es wird klar, dass er eigentlich Emilios Sohn ist und keinen Kredit will, sondern versucht, seinen 72-jährigen Vater zum Abendessen zu bewegen.

Eine Anfangsszene, die sofort hineinzieht in den Comic-Roman (in Fachkreisen ist diese Gattung bekannt als „Graphic Novel“) „Kopf in den Wolken“ von Paco Roca, in dem es um einen Mann geht, der Alzheimer in Anfangsstadium hat.

DEMENZ-COMIC STELLT PERSPEKTIVEN GEGENÜBER

Typisch für die Erzählweise Rocas ist die Gegenüberstellung der Perspektive von Menschen mit Einschränkungen (Emilio, der sich noch im Berufsleben wähnt) und orientierten Personen (sein Sohn, der genervt ist, weil sein Vater in der Vergangenheit lebt). Ähnliche Szenen wiederholen sich im weiteren Verlauf der Handlung, in dem Emilio in ein Pflegeheim zieht und seine neuen Mitbewohner kennenlernt. Begleitet von seinem Zimmernachbarn, dem geistig klaren und gerissenen Schlitzohr Miguel, trifft er etwa Doña Sol, die stets auf der Suche nach einem Telefon ist, um ihre Kinder anzurufen, die sie abholen sollen. Oder Doña Rosario, die sich im Orientexpress gen Istanbul wähnt, wo sie ihren Mann treffen will.

Demenz-Comic „Kopf in den Wolken“ von Paco Roca

Demenz-Comic „Kopf in den Wolken“ von Paco Roca

Die Begegnungen zeigen anschaulich, dass Menschen mit Demenz oft in einer eigenen Welt leben. Weitere Erlebnisse Emilios lassen erahnen, wie frustrierend es sein muss, wenn die eigenen Fähigkeiten nach und nach schwinden. So versteht Emilio nur „Llab“, wenn die anderen von einem Ball reden, und wundert sich beim Essen, warum sein Messer nicht schneidet, dabei hält er einen Löffel in der Hand.

ÄNGSTE UND VORURTEILE ÜBER DAS ALTER IN DEMENZ-COMIC

Auch den Alltag im Pflegeheim für Menschen ohne Demenz stellt Paco Roca in seinem Demenz-Comic ernüchternd dar. Dafür bedient er sich unter anderem der Stimme von Miguel, der sich mit Emilio anfreundet. Von fadem Essen „ohne Zucker, Salz, Kaffee und Wein“, Einsamkeit im Alter und dem eintönigen Heimalltag, in dem nichts als Essen und Schlafen zähle, bedient er sämtliche Ängste und Vorurteile über die Pflegebedürftigkeit. Ihren Höhepunkt finden diese in der Furcht vor dem Umzug ins obere Stockwerk der Einrichtung, einem geschützten Demenzbereich, in dem es nach Aussage Miguels „einfach zu deprimierend“ ist.

Aber auch das immer gleiche Bild von alten Menschen, die auf Sesseln sitzen (mit dem einzigen Unterschied, dass die Zeiger der Uhr an der Wand die Position wechseln) steht für eine Eintönigkeit, die dem Bild vieler Menschen vom Leben im Pflegeheim entspricht.

Eine Darstellung die, wenn auch überspitzt, sicher nicht ganz unrealistisch ist. Doch wie im richtigen Leben gibt es auch in dem Demenz-Comic „Kopf in den Wolken“ noch eine andere Seite. Da ist zum Beispiel Antonia, die Tischnachbarin von Emilio und Miguel. Sie sieht stets die positiven Seiten und motiviert die anderen, die Freizeitangebote des Pflegeheims zu nutzen. Und beim gemeinsamen Bingo spielen, in der Ballrunde, beim Gedanken an den Ausflug ins Casino oder dem Weihnachtsfest mit Besuch von der Familie erscheint das Dasein der Senioren auf einmal doch nicht mehr ganz so trist.

FREUNDE UND NACHBARN INSPIRIERTEN ZU DEMENZ-COMIC

An diese kleinen Lichtblicke habe ich mich beim Lesen geklammert. Eine noch positivere Sicht auf das Alter ermöglicht aber das eigentliche Thema dieses Demenz-Comics, das erst auf den hinteren Seiten wirklich greifbar wird. Es geht um Beziehungen, die ein Leben im Alter mit Demenz, Krankheit und Einschränkungen dennoch lebenswert machen können. Dafür steht die etwa die Figur der Heimbewohnerin Dolores , die ihren Mann Modesto liebevoll begleitet und ihm die Treue hält – so sehr, dass sie ihm sogar in das gefürchtete obere Stockwerk folgt. Oder die Freundschaft zwischen Emilio, Miguel und Antonia, die schließlich in einem nicht ganz ungefährlichen Abenteuer mündet.

Mit seinem Demenz-Comic hat sich Paco Roca, einer der erfolgreichsten Comiczeichner Spaniens, auf bisher unbekanntes Terrain gewagt. Vorbilder für seine Figuren in „Kopf in den Wolken“ waren die Eltern von Freunden, Nachbarn und Menschen, die er traf, als er zu Besuch in einem Pflegeheim war. Es ist ihm gelungen, ein vielschichtiges Bild von pflegebedürftigen Menschen im Alter zu zeichnen. Seine Geschichten sind ungeschönt und er schreckt nicht davor zurück, weit verbreitete Ängste und Vorurteile aufzugreifen und zu befeuern. Gleichzeitig gelingt es ihm aber auch zu zeigen, dass es in jeder noch so ausweglos erscheinenden Situation Dinge und vor allem Menschen gibt, die Hoffnung geben und das Leben im Alter trotz vieler Entbehrungen und Gebrechen lebenswert machen.

AUSGEZEICHNETES DEMENZ-COMIC – AUCH ALS FILM ERSCHIENEN

„Kopf in den Wolken“ ist zwar nicht mehr ganz neu (auf Deutsch erschienen 2013 im Verlag Reprodukt) –  aber das Thema ist noch immer brandaktuell. Das Demenz-Comic wurde mit dem spanischen Preis „Premio Nacional de Cómic“ ausgezeichnet. Hier könnt ihr den Graphic Novel direkt beim Verlag bestellen.

Außerdem war es Vorlage für einen Animationsfilm mit dem englischen Titel „Wrinkles“, auf Deutsch „Falten“. Den Trailer (Englisch) könnt ihr euch hier ansehen:

Dieser Beitrag wurde am 27. Januar 2020 veröffentlicht.

Aufmacherfoto: Madlej

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